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wlb - Wasser, Luft und Boden 1/2015

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GESETZGEBUNG

GESETZGEBUNG funktionalen Ausschreibung von Körnungseigenschaften ausschließlich Naturmaterialien ausgeschrieben werden. Hier können mehr oder weniger transparent vom Auftragnehmer durchaus Recyclingmaterialien angeboten werden. Um die Einhaltung der Anforderungen zu gewährleisten hat der Gesetzgeber in den verschiedenen Regelungen das Prinzip der Fremd- und Eigenüberwachung festgelegt. Zum Teil wird in der Praxis als Fremdüberwachung einer Materialmischung ein gutachterliches Zertifikat mitgeliefert, das einen Abgleich mit dem gelieferten Material ohne aufwändige neue Untersuchungen kaum zulässt oder das Material wird auf dem weiteren Vertriebsweg nochmals unkontrolliert gemischt. Mehr oder weniger zufällige Mischungsverhältnisse bei der Herstellung (z. B. mit dem Radlader) erschweren eine qualifizierte Überwachung zusätzlich. Eine organoleptische Überwachung am Einbauort selbst ist, wie oben beschrieben, praxisfremd. Um die Umweltrelevanz entsprechend der jeweiligen Anforderungen zu bewerten, müssen zudem die Einbaubedingungen (z. B. Lage in Wasserschutzzone, (Teil-)Versiegelungsgrad, Grundwasserstand, Häufigkeit der Aufbrüche usw.) bekannt sein. Bei den NRW-Verwertererlassen zeigt sich aktuell bei mehreren der o. g. Baumaßnahmen, dass die Anforderung eines Einbaus von einigen der Ersatzbaustoffe nur in Gebieten, in denen „nicht mit häufigen Aufbrüchen zu rechnen ist“, in der Praxis aufgrund der vagen Formulierung nur schwer verifizierbar ist. Weitere umweltrelevante Anforderungen im Tiefbau finden sich in den jeweiligen technischen Lieferbedingungen für Gesteinskörnungen. Ziel der geltenden Anforderungen und geplante Neuregelungen Ziel aller geltenden Anforderungen, die den Einbau von Ersatzbaustoffen regeln, ist es, einen von den Materialien ausgehenden Gefahrenverdacht auszuschließen. Sollte sich nach dem Einbau herausstellen, dass eine oder mehrere der geltenden Anforderungen nicht erfüllt wurden, ist neben einer zivilrechtlichen Prüfung eines Vertragsverstoßes der Einbau nach Bodenschutz-, Wasser- und Abfallrecht ordnungsbehördlich zu prüfen, um einem möglichen Gefahrenverdacht nachzugehen. Bei allen Beweisführungen ist auch die Relevanz der Wirkungspfade Boden – Mensch und/oder Boden – (Grund-)Wasser nach BBodSchG nachzuweisen; dies wurde in mehreren der oben dargestellten 15 Baumaßnahmen auch bestätigt. Das Bodenschutzrecht hat hier mit der Expositionsanalyse über die Resorptionsverfügbarkeit bzw. die Sickerwasserprognose grundsätzlich geeignete Methoden vorgegeben. Dennoch stellt sich zunächst die Frage, ob das Bodenschutzrecht für die Beurteilung der Umweltgefährdung durch einen Baustoff, in diesem Fall eines Ersatzbaustoffes, überhaupt herangezogen werden kann. Bei der Beantwortung dieser Frage sind sich, wie verschiedene Urteile zeigen, die Gerichte noch nicht einig [10, 11]. Selbst bei Einhaltung der geltenden Materialanforderungen kann sich unter Umständen, bei fehlendem Abgleich der Regelwerke mit den Prüfwerten der BBodSchV bzw. bei fehlenden Parametern ein Gefahrenverdacht nach BBodSchG ergeben. Der notwendige aktualisierte Abgleich der Forderungen des vorsorgenden Umweltschutzes mit den Prüfwerten zur Gefahrenermittlung sowie die Neuregelung der Fremd- und Eigenüberwachung ist jedoch im geplanten Entwurf der Ersatzbaustoffverordnung des Bundes vorgesehen, sodass auf eine vorgezogene Angleichung und Aktualisierung auf Länderebene verzichtet wird. Inwieweit zukünftig nach Inkrafttreten der Ersatzbaustoffverordnung im Rahmen der Mantelverordnung ein auch unter Berücksichtigung der wirkungspfadbezogenen Gefahrenbetrachtung gesicherter Einbau von mineralischen Abfällen erfolgt, wird von der endgültigen Ausgestaltung und Praxistauglichkeit abhängen. Foto: Fotolia www.kreis-viersen.de Literatur: [1] Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden e. V. [Hrg.] (2013): Die Nachfrage nach Primär- und Sekundärrohstoffen der Steine-und-Erden-Industrie bis 2030 in Deutschland, 91 S. [2] Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen [Hrg.] (2009): Recyclinggutachten NRW – Substitution von Primärbaurohstoffen durch Recyclingbaustoffe in Nordrhein-Westfalen, 113 S. [3] Verein Deutscher Eisenhüttenleute [Hrg.] (1912): Gemeinfassliche Darstellung des Eisenhüttenwesens. 8. Auflage, 404 S. [4] Gem. RdErl. d. Ministeriums für Wirtschaft und Mittelstand, Energie und Verkehr VI A 3 32 40/45 und des Ministeriums für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz IV 3 953 26308 IV 8 157330052 v. 9.10.2001. Dieser Erlass sowie seine dazu gehörigen Anforderungen sind abrufbar unter www.umwelt.nrw.de/umwelt/abfall/ mineralabfaelle/index.php [5] Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen [Hrg.] (2003): Vollzugshilfe zur Gefährdungsabschätzung „Wirkungspfad Boden-Grundwasser“. Materialien zur Altlastensanierung und zum Bodenschutz (MALBO), Band 17. 120 S. + Anhänge [6] Dohlen, M. & B. Steinweg (2009): Aschen und Schlacken: Identifizierung und Charakterisierung in der Bodenkundlichen Praxis, Altlastenspektrum 5/2009, S. 243-251 [7] Steinweg, B. & P. Günther (2011): Resorptionsverfügbarkeit von schadstoffbelateten Bodenmaterialien und Baustoffen (natürliche und technogene Substrate) in Stadtböden, Altlastenspektrum 6/2011, S. 245-250 [8] Steinweg, B. (2014): Verwendung, Identifizierung und Bewertung von Ersatzbaustoffen (Technogene Substrate) im Erd-, Straßen- und Wegebau, Altlastenspektrum 2/14, S. 53-58 [9] Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen [Hrg.] (2014): Weitere Sachverhaltsermittlungen bei Überschreitung von Prüfwerten nach der BBodSchV für die Wirkungspfade Boden-Mensch und Boden-Nutzpflanze, LANUV-Arbeitsblatt 22, 198 S [10] Urteil LG Karlsruhe (2001): Bodenschutz: Anwendbarkeit des BBodSchG auf die Entsorgung des Belags einer Privatstraße – Urteil vom 09.11.2001 Akz 2 0 219/01 [11] Urteil OV Sachsen-Anhalt (2013): Anordnung zur Beseitigung von Betriebsstraßen eines ehemaligen Tontagebaus – Urteil vom 19.09.2013 Akz 2 M 114/13 12 TerraTech 1/2015

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG NSO-Heterozyklen im Visier Neues Analyseverfahren für krebserregende Schadstoffe Henning Zühlsdorff Böden und Grundwasser von ehemaligen Gaswerken und Kokereien sind häufig in hoher Konzentration mit krebserregenden Schadstoffen belastet. Mehr als 1300 solcher Standorte sind allein in Deutschland bekannt. Für die Analyse einer bislang wenig untersuchten Schadstoffgruppe von Kohlenwasserstoffverbindungen, den sogenannten NSO-Heterozyklen – haben Umweltchemiker der Leuphana Universität Lüneburg jetzt ein neues Verfahren entwickelt. Autor: Henning Zühlsdorff, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Leuphana Universität, Lüneburg Mit dem Verfahren können die Wissenschaftler bis zu 50 NSO-Heterozyklen und 60 weitere verwandte Substanzen schon in kleinsten Konzentrationen bestimmen. Erstmals gelang es den Forschern auch, solche Verbindungen in Flüssen und im Ablauf von Kläranlagen nachzuweisen und zu quantifizieren. NSO-Heterozyklen werden bei der Bewertung von kontaminierten Altlaststandorten bisher eher vernachlässigt, davon ist Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Ruck, Umweltchemiker an der Leuphana, überzeugt: „Obwohl wir von der Stoffgruppe seit Jahren wissen, dass sie Krebs auslösen und das Erbgut schädigen kann, ist ihr Verhalten und Vorkommen in der Umwelt bislang noch relativ unerforscht.“ Das sei besonders deshalb sträflich, weil diese Stoffe wasserlöslich und damit mobiler sind als andere Stoffe. DIN-Verfahren festlegen Damit die NSO-Heterozyklen in Zukunft bei der Bewertung von Altlasten fachgerecht berücksichtigt werden können, bringt das Team um Prof. Ruck seine Forschungsergebnisse jetzt in einen Arbeitskreis des Deutschen Institutes für Normung ein. Dort soll in den nächsten Jahren ein DIN- Verfahren zum Nachweis ausgewählter NSO-Heterozyklen festgeschrieben werden. Analyselabore können dann diese Stoffe auf Verdachtsflächen nach geprüften und anerkannten DIN-Verfahren untersuchen. „Kommunen, Länder oder Unternehmen sind damit in der Lage, bei der Beurteilung von Gefahrenpotenzialen und Sanierungserfordernissen auch NSO-Heterozyklen miteinzubeziehen“, erklärt Ruck. Die Projektpartner der Leuphana profitieren ebenfalls von der Forschung. Einer von ihnen ist der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Er zählt zu den wichtigsten Auftraggebern für Wasseranalysen in Niedersachsen, überwacht zum Schutz von Mensch und Umwelt unter anderem die Einhaltung von Richtlinien und Grenzwerten. Dafür werden entsprechende Analyseverfahren benötigt. Auch für mittelständische Projektpartner wie das Labor Limnologisches Institut Dr. Nowak aus dem Landkreis Verden und das Ingenieurbüro IGU Uelzen, zahlt sich das Projekt aus. „Mit dem Analyseverfahren ergibt sich für die Labore ein neuer Markt“, glaubt Ruck. Die Folge seien mehr Aufträge und die Sicherung von Arbeitsplätzen. Das entspricht den Zielsetzungen des Regionalentwicklungsprojektes Innovations-Inkubator der Leuphana. Aus dessen Mitteln war die Zusammenarbeit gefördert worden. www.leuphana.de Terra Tech 1/2015 13